Das Slow Mobil kommt an die Schulen

Das Slow Mobil aus Karlsruhe soll Kindern Lebensmittel und Kochen schmackhaft machen. Wir haben Gründungsmitglied Jens Herion interviewt.

Jens Herion im Interview

Wie kam es zu dieser Idee und was ist das Ziel des Slow Mobil?

Jens Herion: Das erste Slow Mobil in Deutschland ist in München an den Start gegangen. Ausgangspunkt war dort wie in Karlsruhe die Erkenntnis, das zunehmend Kinder in ihrer eigenen Familie nicht mehr mitbekommen, wie man aus frischen, unverfälschten Zutaten ein Essen zubereiten kann. Uns ist es wichtig, möglichst vielen Kindern wenigstens im Rahmen eines Slow Mobil-Einsatzes an ihrer Schule oder an ihrem Kindergarten dieses Erlebnis mindestens schon einmal zu ermöglichen und damit vielleicht ein Samenkorn zu pflanzen.

Das Slow Mobil ist bereits für die nächsten Monate ausgebucht. Es scheint, als hätten Kitas und Schulen auf eine solche Idee gewartet. Was glaube Sie, warum ist das Slow Mobil so gefragt?

Jens Herion: Kinder sind von Natur aus neugierig. Essen ist für uns alle ein Lebensthema – daher wäre es eher überraschend, wenn Kinder es nicht interessant fänden, bei Aktionen im Slow Mobil mitzumachen. Auch vielen LehrerInnen oder ErzieherInnen ist bewusst, dass sich im Zusammenhang mit unseren Ernährungsgewohnheiten in unserer
Gesellschaft einiges in die falsche Richtung bewegt. Es gibt z.B. nur noch wenige Schulen, die eine eigene Schulküche haben. Das Slow Mobil ist eine Möglichkeit, Kindern wenigstens vorübergehend, vielleicht auch erst- oder einmalig mit einer Kochaktion, an der sie an ihrer Schule teilnehmen, die Erfahrung zu verschaffen, was es bedeutet, frische Lebensmittel in die Hand zu nehmen und sich gemeinsam daraus ein schmackhaftes Essen zuzubereiten.

Was passiert denn da genau, wenn das Slow-Mobil an die Kitas und Schulen kommt?

Jens Herion: Wir haben im Trägerverein Junior Slow Karlsruhe e.V. ein Gesamtkonzept für die Einsätze des Slow Mobils entwickelt, das vor dem Auftauchen des Slow Mobils an der Schule beginnt und mit dem Ende des Einsatzes an der Einrichtung abschließt. Hier nur die Kurzbeschreibung einer Kochaktion selbst:

  • Zunächst wird über die geplanten Rezepte gesprochen, dann über die Zutaten. Wo sie herkommen, wie sie von wem angebaut oder erzeugt worden sind (wie detailliert, ist natürlich auch vom Alter der teilnehmenden Kinder abhängig). Es gibt vorwiegend regionale, saisonale Zutaten, in der Regel Gemüse und Obst. Fleisch nur  in Ausnahmefällen, da dann eventuell Probleme mit Unverträglichkeiten oder Konflikte mit religiösen oder anders bedingten kulturellen Speisevorschriften, sowie komplizierteren Hygienevorschriften zu berücksichtigen wären.
  • Dann werden Aufgaben verteilt, alle Kinder bekommen eine Kochmütze  und beteiligen sich an der Zubereitung der Speisen.
  • Der Tisch wird gemeinsam gedeckt, alle essen gemeinsam.
  • Zum Schluss beteiligen sich alle am Aufräumen und Spülen.
  • Die Kinder erhalten zum Abschied die zubereiteten Rezepte, die sie z.B. in ihrer eigenen Familien noch einmal verwenden können oder auch mit Mitschülern austauschen können.

Worin liegt ihre Motivation das Mobil mit ihrer Zeit und Energie zu unterstützen?

Jens Herion: Slow Food ist für mich eine geniale Möglichkeit, das Angenehme (Genuss von unverfälschten Lebensmitteln und Gerichten) mit gesellschaftlich Sinnvollem zu verbinden wie z.B. dem Engagement für den Erhalt kultureller Vielfalt der Ernährung, der Biodiversität, dem Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft und der handwerklichen Lebensmittelverarbeitung. Allgemein: Für nachhaltiges Essen & Trinken und für die Wertschätzung von Lebensmitteln und der Arbeit, die in ihrer Erzeugung und Verarbeitung steckt. Ein Teilaspekt von diesem Engagement ist das Slow Mobil, die Förderung der “Geschmacksbildung” von Kindern im weitesten Sinne.

Was läuft in den familiären Haushalten schief, wenn Slow Food an Kitas und Schulen zum Einsatz kommen muss?

Jens Herion: Wahrscheinlich gibt es eine Vielzahl von Gründen, die dazu führen, dass in immer weniger Familien gekocht wird, z.B. zunehmender Arbeitsdruck und damit verbunden weniger Zeit, die für gemeinsames Kochen und Essen verwendet wird. Ein Problem sind ständig präsente Werbung, finanziert durch millionenschwere Werbeetats der Lebensmittelindustrie, die versuchen bereits kleine Kinder von natürlichen Lebensmitteln zu entfremden und sie stattdessen auf viel Zucker und künstliche Aromen zu konditionieren. Außerdem mangelnde Wertschätzung von Lebensmitteln in der deutschen Wohlstandsgesellschaft, in der für die meisten Menschen jederzeit alles an Lebensmitteln im Überfluss verfügbar ist und Lebensmittel häufig nicht nach Qualität, sondern nach dem niedrigsten Preis gekauft werden – unabhängig von den damit verbundenen sozialen Kosten oder negativen Folgen für die Umwelt.

Mehr Infos zum Slow Mobil in Karlsruhe gibt es hier.

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