Von wegen umweltfreundliche Agrarreform

Die EU-Landwirtschaftsminister haben in Brüssel über ihre Position zur zukünftigen EU Agrarpolitik entschieden. Die Ergebnisse der Verhandlungen vom 14. März hat viele Öko-Bauern enttäuscht.  Agrarkommisar Dacian Cioloș hatte am 12. Oktober 2011 einen Reformvorschlag zum “Greening” der EU Landwirtschaft eingereicht. Der Vorschlag sah vor, dass die Agrarsubventionen in Zukunft nur noch an Betriebe gezahlt werden, die sieben Prozent ihrer Fläche im Sinne der Natur nutzen. Diese “ökologischen Vorrangflächen” werden aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen und die Natur wird sich selbst überlassen. Das fördert den Schutz von Wasser, Boden, Artenvielfalt und Klima.

Erstaunlich ist, dass die großen deutschen Nachrichtenseiten die Verhandlungen der EU als umweltfreundliche Agrarreform feiern (Spiegel, Süddeutsche). Lediglich die Welt titelt “Wie das EU-Parlament aus der Agrarreform ein Reförmchen machte”.

Denn die Position der EU Parlamentarier sieht vor, dass lediglich 30 Prozent der EU-Subventionen für Greening-Massnahmen vergeben werden. Die restlichen 70 Prozent sind weiterhin nicht an Umweltschutzkriterien gebunden. Statt der geforderten sieben Prozent ökologischer Vorrangfläche, einigten sich die Parlamentarier letztendlich auf drei Prozent (fünf Prozent bis 2016). Und das obwohl deutsche Betriebe schon jetzt zu 2,1 bis 3,5% aus ökologischen Vorrangflächen bestehen (taz). Zudem dürfen diese Flächen auch noch genutzt werden, müssen nur in Zukunft ökologischer bewirtschaftet werden. Eine umweltfreundliche Agrarreform sieht wohl anders aus.

Die endgültige Verhandlung über die Reform findet Ende Juni im Europäischen Parlament statt. Hier haben wir euch noch die wichtigsten Informationen zur EU Agrarpolitik zusammengetragen:

Ferkel an Zitzen einer SauWelche Landwirtschaft wird von der EU gefördert?

Die EU subventioniert die europäische Landwirtschaft dieses Jahr mit etwa 60 Milliarden Euro (Spiegel). Das sind knapp 40% des gesamten EU-Haushalts. 110 Euro zahlt der Verbraucher im Schnitt für diese Politik und hat auch klare Vorstellungen von der Verwendung der Gelder. Eine Umfrage der Naturschutzorganisation WWF hat ergeben, dass sich 78% der Europäer wünschen, dass Subventionen an nachhaltige Landwirtschaft gekoppelt sind. Nur 16% glauben, dass eine Verteilung nach Anbaufläche sinnvoll ist (WWF).

Doch in der Realität geschieht genau das! Umweltfreundliche Landwirtschaftsbetriebe sind meist kleiner und weniger effizient. Momentan bekommen sie nicht mehr Zuschüsse dafür, dass sie besonders schonend mit ihren Ressourcen umgehen. Im Gegenteil: die Subventionen sind bisher nicht an Ziele geknüpft, sonder besonders an Fläche. Große Höfe, die in Masse produzieren haben dadurch Vorteile. Je größer der Betrieb, desto mehr Subventionen gibt es. Momentan erhalten 20% der Betriebe ganze 80% der Gelder (Welt).

Eine Auflistung des BUND zeigt, welche Konzerne besonders von den Subventionen profitieren. Südzucker, Tönnies-Fleisch, Ferrero… Es wird klar, dass Förderung von gesunden Lebensmitteln offenbar keine Rolle spielt.

Warum gibt es die EU Subventionen?

Dass die Europäische Union landwirtschaftliche Nahrungsproduktion subventioniert, hat seinen geschichtlichen Ursprung nach dem zweiten Weltkrieg. 1957 verabschiedete die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (Vorlaufer der EU) den Vertrag zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Dessen Hauptziel war es die europäische Landwirtschaft nach 1945  wieder aufzubauen. Während und nach dem zweiten Weltkrieg konnten viele Menschen in Europa nicht zu bezahlbaren Preisen mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Da in Europa sehr viele Menschen auf vergleichsweise engem Raum leben, sind die Anbauflächen knapp. Verglichen mit großen Flächenländern mit weniger Einwohnern, wie beispielsweise Australien, war der europäische Agrarsektor nicht konkurrenzfähig und die Subventionen sollten hier Abhilfe schaffen (EU Koordination).

Neue Herausforderungen

Im Jahr 2013 ist Lebensmittelknappheit in der EU kein Problem mehr. Im Gegenteil, die Hälfte aller produzierten Nahrungsmittel landet auf dem Müll. Die Subventionen verzehren außerdem den Wettbewerb auf dem Weltmarkt. Die Existenz von Landwirten in Entwicklungsländern wie beispielsweise Afrika sind gefährdet, da sie nicht mit den aus der EU importierten Nahrungsmitteln konkurrieren können (Tagesschau).

Ein neues Konzept muss her – Mehr Klasse statt Masse in der Lebensmittelproduktion! Um noch eine Daseinsberechtigung zu haben, sollten die EU Agrarsubventionen an umweltfreundliche Ziele geknüpft sein. Und zwar so wie sie sich der Verbraucher wünscht: Für eine umweltfreundliche Erzeugung gesunder Nahrungsmittel!

Steak, Burger und Co. als Komplizen von Welthunger und Klimawandel

Currywurst-Buden, Dönerläden und Fastfood Ketten prägen das Bild der modernen Großstadt und stehen symbolisch für eine Konsumgesellschaft.  Und das, obwohl ein Lebensmittelskandal den anderen jagt. Fragwürdig ist der tägliche Verzehr von Fleisch nicht nur aus gesundheitlicher und ethischer Sicht, sondern vor allem, wenn es um den Welthunger und den Klimaschutz geht.

Spätestens seit BSE-, „Gammelfleisch“-, und dem aktuellen Pferdefleischskandal ist Fleisch als Lebensmittel stark in Verruf geraten. Konsumenten sind verunsichert und eine erneute Fleischdebatte ist in den Medien entbrannt. Dieses Mal um gepanschtes Fleisch in Fertigprodukten. Fleischerzeugnisse lokaler Metzger oder von Biobauern  wird noch als sicher angepriesen, doch viele Konsumenten wollen oder können sich kein Fleisch vom Bio-Rind oder -Schwein leisten.

Wie die Arte-Dokumentation „Nie wieder Fleisch“ (2012) von Julia Pinzler zeigt, hat sich der weltweite Fleischkonsum in den letzten 50 Jahren verfünffacht. In den Industrieländern konsumiert der Durchschnittsbürger pro Jahr 90 kg Fleisch. Während der Fleischkonsum in Europa schon immer hoch war, ist die Nachfrage nach Fleisch vor allem in Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien stark angewachsen. Grund hierfür sind die rasch wachsende Bevölkerung und der zunehmende Wohlstand dieser Länder. Wie Pinzlers Recherchen zeigen, gilt beispielsweise in China der tägliche Konsum von Fleisch als Statussymbol der wachsenden Mittelschicht.  Während vegetarische Kost im Westen längst nicht nur mit dem Öko-Gedanken in Verbindung gebracht wird, sondern teilweise auch als modisch und progressiv gilt, wird Vegetarismus in China als Zeichen für finanzielle Not gewertet.

Entsprechend der weltweit wachsenden Nachfrage nach Fleisch ist auch dessen Produktion angestiegen. Verheerend ist das vor allem für die Umwelt. Laut einer Studie über Fleischproduktion von Misereor aus dem Jahr 2012 wird sich die Nachfrage nach Fleisch im Jahr 2050 verdoppelt haben: Von circa 228 auf 463 Millionen Tonnen. Dazu müsste die zweifache Menge der heute hergestellten Futtermittel produziert werden. Aus aktueller Sicht sind diese Mengen nicht produzierbar. Schon jetzt wird ein Großteil der Futtermittel für die deutsche Fleischproduktion aus Entwicklungsländern importiert. Das ist ein Problem für das Klima, die Artenvielfalt und die regionalen Wasserkreisläufe. Wälder und Moore werden in Nutzfläche für den Anbau von Futtermitteln und für Viehhaltung umgewandelt. Laut einem Artikel des Tagesspiegel produzieren die Nutztiere  nicht nur klimaschädliche Methangase. Verhängnisvoller für die Umwelt sei der Einsatz von Kunstdünger in der Futtermittelproduktion. Denn durch dessen Einsatz werden auf den Feldern Lachgas produziert, dessen Schaden für das Klima viel höher liegt als die von Methan.

Laut dem  Vegetarierbund Deutschland (VeBu) könnten unsere heutigen Fleischmengen  ohne die Futtermittelimporte aus Schwellenländern – in denen problematische Anbaubedingungen herrschen –  nicht produziert werden. Die Schwellenländer produzieren deshalb Futtermittel (wie zum Beispiel Soja) auf Anbauflächen, die für die landeseigene Nahrungsmittelproduktion wegfallen. Jean Ziegler – Globalisierungsgegner und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – macht genau diese Strategie der westlichen Fleisch-Unternehmen verantwortlich für den Welthunger.  Ziegler erklärt: „Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an den Folgen der Unterernährung. […] Das ist kein Schicksal, es ist Mord. In diesem Jahrhundert können erstmals genug Lebensmittel erzeugt werden, um zwölf Milliarden Menschen ausreichend zu ernähren, also das Doppelte der derzeitigen Erdbevölkerung. Die Zahl der Hungernden aber wächst, allein im vergangenen Jahr um elf Millionen. Zugleich wird ein Viertel der weltweiten Getreideernte als Futter für Mastvieh verschwendet. An dessen Fleisch essen sich die Menschen in den reichen Ländern dick – Herz-Kreislaufleiden gehören zu den häufigsten Todesursachen.“ (Tisch-Gespräch mit Jean Ziegler im Greenpeace-Magazin).

Soviel CO2 wird jeweils für ein Kilo Gemüse, Schweine- oder Rindfleisch produziert:

Der CO2 Ausstoss von Fleisch und Gemüse im Vergleich

Doch nicht nur die Grundversorgung der Menschen in Entwicklungsländern wird durch die Fleischproduktion von Industrienationen gefährdet, auch für die Umwelt hat die weltweit steigende Fleischnachfrage Konsequenzen. Die Erzeugung tierischer Lebensmittel ist beispielsweise für 18 % aller vom Mensch verursachten,  klimawirksamen Emissionen verantwortlich und liegt damit vor dem ebenfalls sehr belastenden Verkehrssektor (vgl. Studie zu Fleischproduktion von Misereor 2012).  Laut VeBu führt die Rindfleischproduktion die Rangliste der Treibhausgas-Emissionen an:  Für ein Kilo Schweinefleisch werden 1,9 kg  CO2 ausgestoßen, für ein Kilogramm Rindfleisch sind es sogar ganze 13 kg CO2. Im Vergleich dazu werden für ein Kilogramm Gemüse nur 150 g der klimaschädlichen Emissionen freigesetzt. Außerdem benötigt man für die Erzeugung von tierischen Produkten enorm viel Wasser: Für die Produktion von einem Kilo Rindfleisch werden 15.500 Liter benötigt, davon werden 15.300 Liter für den Futtermittelanbau benötigt. Im Gegensatz dazu braucht man für die Produktion von 1 kg Sojabohnen nur 1.800 Liter Wasser, so die Studie über Fleisch-Produktion von Misereor.

Was kann ich tun?

Aus Sicht des Klimaschutzes wären vor allem zwei Dinge nötig: Eine deutliche Reduktion der Nutztierbestände und eine Fleischproduktion, die möglichst nachhaltig und klimafreundlich ist. Unsere Öko-Bilanz sieht beispielweise schon viel besser aus, wenn die Nutztiere ökologische gehalten werden. Laut einem Online-Artikel des WWF erzeugt Bio-Geflügel zum Beispiel etwa halb so viele Emissionen, wie  Geflügel aus konventioneller Aufzucht. Der Grund: „Bio-Futtermittel verursachen weit geringere Emissionen als konventionelle Futtermittel. Für ein Kilo Hühnerfleisch aus konventioneller Haltung wird fast ein Kilo Sojamehl verfüttert. Soja, das auf Flächen angebaut wird, für die in Lateinamerika Regenwald und andere Ökosysteme weichen mussten, die viel Kohlenstoffdioxid speichern“, so der WWF. Viele deutsche Bio-Erzeuger hingegen achten bei der Fleischproduktion auf eine geschlossene, ökologische Kreislaufwirtschaft. Durch den kompletten oder teilweisen Verzicht auf Importfuttermittel und die Fütterung mit betriebseigenem Futter wird der globale Wasserhaushalt geschont, so die Vereinigung Deutscher Gewässerschutz e.V..

Jeder könnte also in einem ersten Schritt sein Konsumverhalten überdenken und sich außerdem fragen, ob es wirklich nötig ist jeden Tag Schnitzel und Co. zu verzehren. Wäre es nicht sogar fortschrittlich sich auf den nostalgisch anmutenden „Sonntagsbraten“ zurück zu besinnen und Fleisch nur noch an besonderen Anlässen zu essen? Laut einem Artikel des Tagesspiegel kam noch vor 30 Jahren etwa 60 kg weniger Fleisch auf den Tisch eines deutschen Durchschnittsbürgers als heute. Das Fleischgericht am Wochenende wurde früher vielerorts in der Familie zelebriert und galt als soziales Ereignis. Heute fehlt von diesem jede Spur. Außerdem könnte man sich Gedanken zur Fleischsorte machen, zu der man greift: Schweine- oder Geflügelfleisch sind im Hinblick auf den Wasserbedarf für Futtermittel und Aufzucht ressourcenschonender. Wenn man Fleisch kauft, dann sollte man außerdem darauf achten, dass es aus ökologischer Aufzucht stammt.

Eine weitere Möglichkeit wäre zu Hause, in der Mensa und im Restaurant fleischfreie Tage einzuführen. Dies haben schon viele Universitäten im Rahmen des „Veggi-Day“ gemacht; unter anderem in Tübingen und Berlin. Dieser findet bundesweit donnerstags unter dem Motto „Donnerstag ist Veggietag“ statt. Es handelt sich um eine Aktion, die zu einem fleischfreien Wochentag in Deutschland aufrufen möchte. Über fleischfreie Tage würden sich nicht nur die Tiere freuen, sondern auch unser gesamtes Ökosystem!