Vom Containern oder wie man Lebensmittel retten kann

Lebensmittel aus der Mülltonne essen? Hört sich erst einmal nicht sonderlich appetitlich an. Allerdings wird Containern in Deutschland immer beliebter. „Containern”, auch „Dumpstern” oder zu Deutsch „Mülltauchen” bezeichnet die Praxis weggeworfene Lebensmittel wieder aus den Mülltonnen (meist von Supermärkten) zu holen.

Aktivist beim Containern

Freeganer werden Menschen genannt, die so von unserer Überflussgesellschaft leben. Es geht ihnen oft nicht darum Geld zu sparen, vielmehr wollen sie Kritik an der Konsumgesellschaft üben (Greenpeace Magazin 2.13, S. 31). Viele Lebensmittel, die von Supermärkten weggeworfen werden, sind noch einwandfrei genießbar. So genügt es oft schon, wenn eine Frucht in einer Verpackung leicht verdorben ist, um diese auszusortieren. Wenn also eine Orange im Netz verdorben ist, wandert das ganze Netz in den Müll. Außerdem werden viele Lebensmittel schon vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus den Regalen entfernt und landen im Abfalleimer.

Raphael Fellmer ist Deutschlands wahrscheinlich berühmtester Mülltaucher. Mittlerweile bekommt er von vielen Bio-Supermärkten schon seine eigene Kiste gerichtet. Oft kommt so viel mehr zusammen als er und seine Familie essen können. Dann teilt Raphael die übrigen Lebensmittel auf der Plattform Foodsharing. Raphael lebt mit seiner Frau Nieves und seiner einjährigen Tochter Alma Lucia vollständig von der Überflussgesellschaft – und das sogar vegan mit Essen in Bioqualität (Greenpeace Magazin 2.13, S. 70).

Das nehmen, was andere wegwerfen. Kann das Diebstahl sein?

Erlaubt ist Containern in Deutschland eigentlich nicht. Denn bis die Müllabfuhr den Abfall mitnimmt, bleibt er im Besitz desjenigen, der ihn weggeworfen hat. Zur Strafanzeige kommt es aber in der Regel trotzdem nicht, weil dem Bestohlenen durch den Diebstahl kein Schaden zugefügt wird. Wenn die Abfallcontainer allerdings auf einem Privatgrundstück stehen, können sich Mülltaucher durch dessen Betreten des Hausfriedensbruchs schuldig machen.

Es werden immer wieder Stimmen laut, Containern zu legalisieren. Die Linkspartei fordert sogar, den Handel dazu zu verpflichten „einen ungehinderten Zugang zu nicht mehr verkaufsfähigen aber noch genießbaren Lebensmitteln sicherzustellen” (Pressemitteilung vom 27.3.12).

Eine Art „organisiertes” Containern betreiben die Tafeln in Deutschland und das ganz legal. Die Organisation sammelt Lebensmitteln von Supermärkten ein, die diese sonst wegwerfen würden. Allerdings geben nicht alle Supermärkte ihre Reste den Tafeln, oft ist ihnen der Aufwand zu groß.

Andere Länder, andere Sitten

In Österreich ist Containern im Prinzip legal, weil Abfall als „herrenlose“ Sache gilt. Hier hat sich sogar eine Kochshow zu dem Thema entwickelt. Wastecooking heißt das Kunstprojekt und arbeitet nur mit Lebensmitteln, die vorher in Abfallcontainern „gerettet“ wurden.

Eine Episode von Wastecooking könnt ihr euch hier ansehen:

Lebensmittel teilen statt wegwerfen

Valentin Thurn drehte nicht nur den aufrüttelnden Dokumentarfilm Taste the Waste. Um selbst einen Beitrag gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu leisten, gründete er die Internetplattform Foodsharing.

Das Prinzip ist einfach: fährt man zum Beispiel für längere Zeit in Urlaub und hat noch einen vollen Kühlschrank, kann man seine Lebensmittel auf Foodsharing anbieten. Jeder kann sogenannte Essenskörbe packen und diese in seiner Umgebung kostenlos zur Verfügung stellen. Andere Nutzer der Plattform sehen die Essenskörbe in ihrer Nähe und können bei Interesse einen Korb anfragen und einen Abholtermin vereinbaren. Nicht nur Privatpersonen können so überschüssige Lebensmittel weitergeben, sondern auch Händler und Produzenten.

In diesem Video wird kurz erklärt, wie Foodsharing funktioniert:

Einige Regeln gibt es bei Foodsharing auch. Natürlich sollten keine verdorbenen Produkte weitergegeben werden. Das Mindesthaltbarkeitsdatum kann aber durchaus überschritten sein. Die Anbieter sowie die Abnehmer von Essenskörben sollten aber in jedem Fall überprüfen, ob die Nahrung noch genießbar ist. Die einfache Regel lautet: „Lege keine Lebensmittel in Essenskörbe, die du selbst nicht mehr verzehren würdest.“ Aufgrund des bestehenden Gesundheitsrisikos dürfen manche Lebensmittel nicht weitergegeben werden, zum Beispiel wenn das Verbrauchsdatum abgelaufen ist oder Speisen, die rohe Eier enthalten.

Finanziert wurde Foodsharing durch Crowdfunding, das heißt viele einzelne Unterstützer haben das Portal mit ihren Spenden finanziert. So kamen sogar mehr als die veranschlagten 10.000 Euro zusammen

Karte von Lebensmittelkörben in Tübingen und Umgebung
In Tübingen werden zur Zeit leider keine Lebensmittelkörbe angeboten

Foodsharing funktioniert derzeit aber eher in größeren Städten wie Köln oder Berlin, wo es viele aktive Foodsharer gibt. In Berlin gibt es sogar einen Umsonst-Laden in der Markthalle in Kreuzberg. Hier kann man nicht benötigte Lebensmittel ablegen. Andere können sich dann einfach mitnehmen, was sie gebrauchen können. In kleineren Städten wie z.B. hier im sonst so grünen Tübingen findet man selbst in der Umgebung selten mal einen Essenskorb.  Da die Internet Plattform aber erst seit Dezember 2012 online ist, gilt es wohl abzuwarten, selbst Lebensmittelkörbe einzustellen und zu hoffen, dass andere dem eigenen Beispiel folgen. Immerhin, innerhalb der ersten zwei Wochen konnte Foodsharing schon 2.800 Foodsharer verbuchen und 250 Kilogramm Lebensmittel vor der Mülltonne retten.

Übrigens, wenn ihr euch hier für den Newsletter registriert, könnt ihr das Kochbuch zum Film Taste the Waste gewinnen.