Ein paar einfache Schritte, die helfen weniger Lebensmittel wegzuwerfen

Wir haben ein paar einfache Maßnahmen aufgelistet, die euch helfen können weniger Lebensmittel wegzuwerfen. Fallen euch noch weitere ein? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Lebensmittelverschwendung

Einkaufen:

  • Kleinere Mengen einkaufen, dafür mehrmals die Woche und Großeinkäufe vermeiden. So behält man besser den Überblick.
  • Einkäufe vorher planen. Nicht hungrig einkaufen gehen und von Spontankäufen absehen.
  • Auch Obst und Gemüse kaufen, dass nicht der Norm entspricht und perfekt aussieht. Mehr zum Thema Lebensmittelnormen hier.
  • In Geschäften einkaufen, die Waren, die bald ablaufen, günstiger anbieten und die nicht bis spät abends die Regale füllen.
  • Obst und Gemüse nicht in Großpackungen kaufen und Geschäfte meiden, die solche anbieten. So vermeidet man zum einen Plastikmüll. Zudem werden solche Packungen weggeworfen, wenn nur eine einzige Frucht verdorben ist. Wenn man die Früchte einzeln kauft, kann man genau so viele kaufen, wie man auch wirklich verwerten kann.
  • Am besten selbst beim Bauern einkaufen oder ein Abo für Obst und Gemüse bestellen. Damit umgeht man, dass die Früchte genormt werden und weniger schöne weggeworfen werden. Man unterstützt außerdem kleine, unabhängige Bauern und keine großen Lebensmittelkonzerne.

Kochen

  • Auf die eigenen Sinne vertrauen. Nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, sind Lebensmittel noch lange nicht verdorben. Mehr Infos zum MHD gibt es hier.
  • Reste vom Vortag beim Kochen verwerten.
  • Lieber kleinere, dafür mehrere Portionen servieren. So bleiben weniger Reste auf dem Teller übrig.
  • Saisonale und regionale Produkte kaufen. So vermeidet man, das Lebensmittel schon auf den langen Transportwegen verderben. Unser Saisonkalender kann euch dabei helfen.

Weitere Möglichkeiten:

  • Eigene Kräuter, Obst und Gemüse anbauen. Da kann man sicher sein, dass im Produktionsprozess nichts weggeworfen wird und außerdem macht es Spaß. Mehr Infos findet ihr hier.
  • Man kann auch containern gehen, das heißt Lebensmittel aus den Mülleimern von Supermärkten “retten”. Das ist allerdings in der Regel nicht legal. Mehr Infos findet ihr hier.

Das ist eine Liste, die wir aus eigenen Erfahrungen zusammengestellt haben. Wir freuen uns sehr über weitere Ideen eurerseits!

Protagonistin A.*

*möchte anonym bleiben
A.* gehört zu denjenigen Menschen, die aus Überzeugung „containern“, d.h. sie holt nachts Lebensmittel aus den Mülltonnen von Supermärkten, die aussortiert wurden. Dies gilt rechtlich als Straftat. A* möchte jedoch damit ein Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung setzen. Sie lebt sehr bewusst und geht dabei auf ihre eigene, unkonventionelle Art gegen die Missstände der Lebensmittelindustrie vor.

Mehr übers “Containern” findet ihr hier.

Besuch des Markts des guten Geschmacks

Am Samstag, dem 13.04.2013 besuchten Jenny und Sarah von „We love food” den „Markts des guten Geschmacks – die Slow Food Messe“ in Stuttgart. Hier standen vier Tage lang die Themen Nachhaltigkeit, Regionalität, Wertschätzung, sowie das Genießen von Lebensmittel im Fokus. 433 Stände auf 1,5 Hallen verteilt, boten ihre Waren an. Zu finden waren hier unter anderem Marmelade, Fisch, Bier, Linsen, Kräuter und Öle und Schokolade. Das Besondere der Aussteller lag darin, dass die Produkte bestimmten Zulassungskriterien entsprechen mussten. Keine Verdickungsmittel in Fisch- und Molkereiprodukten; Wurst musste auf chemisch hergestellte Zuckerstoffe gänzlich verzichten. Darüber hinaus gab es die Möglichkeit neue Projekte, wie z. B. das Slow Mobil Karlsruhe kennen zu lernen oder sich im Rahmen der Forumsbühne über aktuelle Themen wie Lebensmittelverschwendung, Gentechnik und städtische Gemeinschaftsgärten zu informieren und mit zu diskutieren.

Das Slow Food Mobil bringt Wissen rund um Lebensmittel in die Schulen

An den Ständen gab es viele regionale Produkte

Wir waren im Rahmen des dritten kulinarische Blogger-Treffens eingeladen, das ebenfalls auf der Messe stattfand. Das war eine super Möglichkeit andere Blogger kennenzulernen, die sich mit spannenden Themen rund um Lebensmittel auseinandersetzen. Es herrschte aber auch jede Menge Trubel, Hektik und Konsum.

Neben all den hochwertigen und qualitativen Produkten, hätten wir uns über mehr Aufklärung zum Themen Wertschätzung sowie über Tipps für einen bewussten Umgang mit Lebensmittel gewünscht. Vielleicht gibt es das ja schon im nächsten Jahr…

Protagonist Pius Horn

Filialleiter eines EDEKA in Nusplingen
Herr Horn hat das Geschäft seiner Familie übernommen und ist u.a. Filialleiter eines EDEKA im schwäbischen Nusplingen. Dieses Geschäft dient der ländlichen Nahversorgung. Es handelt sich um eine kleine Filiale, inklusive Backstube. Er kennt die Kunden beim Namen und in seinem Geschäft geht es persönlich zu. Herr Horn widerstrebt das Wegwerfen von Lebensmitteln und so versucht er Alternativen für die Weiterverwertung von ihnen zu finden.

Protagonist Markus Urban

Markus ist sehr pragmatisch, wenn es um Essen geht. Frische, Herkunft oder Saisonalität sind ihm nicht wichtig. Da er nur einmal im Monat einen Großeinkauf macht, hat er vielleicht in den ersten Tagen einen Salatkopf, danach Tiefkühlware und Konserven. Markus ist sich im Klaren darüber, dass er sich nachhaltiger und gesünder ernähren könnte, aber die Bequemlichkeit siegt doch immer wieder.

Premiere am 26. + 27. April 2013!

Endlich ist es soweit! Die Reportage „We love food – Vom Feld in den Mund und was dabei auf der Strecke bleibt“ feiert Premiere im Kino Museum in Tübingen. Und ihr seid natürlich herzlich eingeladen! Die Macherinnen des Films werden natürlich anwesend sein und freuen sich auf spannende Diskussionen mit euch!

Hier nochmal der Trailer:

„We love food – Vom Feld in den Mund und was dabei auf der Strecke bleibt“ ist eine 30-minütige Reportage darüber, welchen Stellenwert Lebensmittel in unserer Gesellschaft haben. In verschiedenen Interviews kommen Menschen zu Wort, die mit Lebensmitteln arbeiten, über sie forschen oder einen besonderen Bezug zu ihnen haben.

So begleitet „We love food“ sechs Protagonisten auf einer persönlichen Ebene und dokumentiert ihren Alltag und Umgang mit Lebensmitteln: vom kochfaulen Studenten, über eine anonyme Mülltaucherin bis zum reflektierten Supermarktbetreiber sind viele Facetten vertreten. Die Begriffe Wertschätzung, Nachhaltigkeit und Bewusstsein stehen dabei im Vordergrund, frei nach dem Motto „Schätze dein Essen und mach dir Gedanken!“

Wie sich das für eine richtige Premiere gehört, gibt es natürlich auch einen Sektempfang und die Möglichkeit Ideen auszutauschen.

Nach „We love food” wird noch ein zweiter Dokumentarfilm gezeigt, der ebenfalls im Rahmen einer Masterarbeit an der Uni Tübingen entstanden ist. Der Dokumentarfilm „Ins Schwarze getroffen – Die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft“ begleitet diese auf dem Weg zu ihrem wichtigsten Spiel gegen die Türkei im Jahr 2012. Mehr Infos findet ihr hier.

Programm:

Plakat18:00 Uhr: Begrüßung
18:15 Uhr: “We love food” (30 Min.) mit kurzem Gespräch mit den Filmemacherinnen
19:00 Uhr: “Ins Schwarze getroffen” (45 Min.) mit kurzem Gespräch mit den Filmemachern
20:00 Uhr: Sektempfang und Get-Together (nur am Freitag)

Die Filme werden exklusiv am Freitag, den 26. und Samstag, den 27. April im Kino Museum in Tübingen gezeigt. Eine Eintrittskarte, mit der ihr beide Filme ansehen könnt, kostet 7 Euro und garantiert einen abwechslungsreichen und spannenden Abend! (5 Euro für Kinder unter 12)

Wir freuen uns auf euch! Gerne könnt ihr euch bei unserer Facebook-Veranstaltung anmelden!

Anfahrtsbeschreibung:


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Von wegen umweltfreundliche Agrarreform

Die EU-Landwirtschaftsminister haben in Brüssel über ihre Position zur zukünftigen EU Agrarpolitik entschieden. Die Ergebnisse der Verhandlungen vom 14. März hat viele Öko-Bauern enttäuscht.  Agrarkommisar Dacian Cioloș hatte am 12. Oktober 2011 einen Reformvorschlag zum “Greening” der EU Landwirtschaft eingereicht. Der Vorschlag sah vor, dass die Agrarsubventionen in Zukunft nur noch an Betriebe gezahlt werden, die sieben Prozent ihrer Fläche im Sinne der Natur nutzen. Diese “ökologischen Vorrangflächen” werden aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen und die Natur wird sich selbst überlassen. Das fördert den Schutz von Wasser, Boden, Artenvielfalt und Klima.

Erstaunlich ist, dass die großen deutschen Nachrichtenseiten die Verhandlungen der EU als umweltfreundliche Agrarreform feiern (Spiegel, Süddeutsche). Lediglich die Welt titelt “Wie das EU-Parlament aus der Agrarreform ein Reförmchen machte”.

Denn die Position der EU Parlamentarier sieht vor, dass lediglich 30 Prozent der EU-Subventionen für Greening-Massnahmen vergeben werden. Die restlichen 70 Prozent sind weiterhin nicht an Umweltschutzkriterien gebunden. Statt der geforderten sieben Prozent ökologischer Vorrangfläche, einigten sich die Parlamentarier letztendlich auf drei Prozent (fünf Prozent bis 2016). Und das obwohl deutsche Betriebe schon jetzt zu 2,1 bis 3,5% aus ökologischen Vorrangflächen bestehen (taz). Zudem dürfen diese Flächen auch noch genutzt werden, müssen nur in Zukunft ökologischer bewirtschaftet werden. Eine umweltfreundliche Agrarreform sieht wohl anders aus.

Die endgültige Verhandlung über die Reform findet Ende Juni im Europäischen Parlament statt. Hier haben wir euch noch die wichtigsten Informationen zur EU Agrarpolitik zusammengetragen:

Ferkel an Zitzen einer SauWelche Landwirtschaft wird von der EU gefördert?

Die EU subventioniert die europäische Landwirtschaft dieses Jahr mit etwa 60 Milliarden Euro (Spiegel). Das sind knapp 40% des gesamten EU-Haushalts. 110 Euro zahlt der Verbraucher im Schnitt für diese Politik und hat auch klare Vorstellungen von der Verwendung der Gelder. Eine Umfrage der Naturschutzorganisation WWF hat ergeben, dass sich 78% der Europäer wünschen, dass Subventionen an nachhaltige Landwirtschaft gekoppelt sind. Nur 16% glauben, dass eine Verteilung nach Anbaufläche sinnvoll ist (WWF).

Doch in der Realität geschieht genau das! Umweltfreundliche Landwirtschaftsbetriebe sind meist kleiner und weniger effizient. Momentan bekommen sie nicht mehr Zuschüsse dafür, dass sie besonders schonend mit ihren Ressourcen umgehen. Im Gegenteil: die Subventionen sind bisher nicht an Ziele geknüpft, sonder besonders an Fläche. Große Höfe, die in Masse produzieren haben dadurch Vorteile. Je größer der Betrieb, desto mehr Subventionen gibt es. Momentan erhalten 20% der Betriebe ganze 80% der Gelder (Welt).

Eine Auflistung des BUND zeigt, welche Konzerne besonders von den Subventionen profitieren. Südzucker, Tönnies-Fleisch, Ferrero… Es wird klar, dass Förderung von gesunden Lebensmitteln offenbar keine Rolle spielt.

Warum gibt es die EU Subventionen?

Dass die Europäische Union landwirtschaftliche Nahrungsproduktion subventioniert, hat seinen geschichtlichen Ursprung nach dem zweiten Weltkrieg. 1957 verabschiedete die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (Vorlaufer der EU) den Vertrag zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Dessen Hauptziel war es die europäische Landwirtschaft nach 1945  wieder aufzubauen. Während und nach dem zweiten Weltkrieg konnten viele Menschen in Europa nicht zu bezahlbaren Preisen mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Da in Europa sehr viele Menschen auf vergleichsweise engem Raum leben, sind die Anbauflächen knapp. Verglichen mit großen Flächenländern mit weniger Einwohnern, wie beispielsweise Australien, war der europäische Agrarsektor nicht konkurrenzfähig und die Subventionen sollten hier Abhilfe schaffen (EU Koordination).

Neue Herausforderungen

Im Jahr 2013 ist Lebensmittelknappheit in der EU kein Problem mehr. Im Gegenteil, die Hälfte aller produzierten Nahrungsmittel landet auf dem Müll. Die Subventionen verzehren außerdem den Wettbewerb auf dem Weltmarkt. Die Existenz von Landwirten in Entwicklungsländern wie beispielsweise Afrika sind gefährdet, da sie nicht mit den aus der EU importierten Nahrungsmitteln konkurrieren können (Tagesschau).

Ein neues Konzept muss her – Mehr Klasse statt Masse in der Lebensmittelproduktion! Um noch eine Daseinsberechtigung zu haben, sollten die EU Agrarsubventionen an umweltfreundliche Ziele geknüpft sein. Und zwar so wie sie sich der Verbraucher wünscht: Für eine umweltfreundliche Erzeugung gesunder Nahrungsmittel!

Vom Containern oder wie man Lebensmittel retten kann

Lebensmittel aus der Mülltonne essen? Hört sich erst einmal nicht sonderlich appetitlich an. Allerdings wird Containern in Deutschland immer beliebter. „Containern”, auch „Dumpstern” oder zu Deutsch „Mülltauchen” bezeichnet die Praxis weggeworfene Lebensmittel wieder aus den Mülltonnen (meist von Supermärkten) zu holen.

Aktivist beim Containern

Freeganer werden Menschen genannt, die so von unserer Überflussgesellschaft leben. Es geht ihnen oft nicht darum Geld zu sparen, vielmehr wollen sie Kritik an der Konsumgesellschaft üben (Greenpeace Magazin 2.13, S. 31). Viele Lebensmittel, die von Supermärkten weggeworfen werden, sind noch einwandfrei genießbar. So genügt es oft schon, wenn eine Frucht in einer Verpackung leicht verdorben ist, um diese auszusortieren. Wenn also eine Orange im Netz verdorben ist, wandert das ganze Netz in den Müll. Außerdem werden viele Lebensmittel schon vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus den Regalen entfernt und landen im Abfalleimer.

Raphael Fellmer ist Deutschlands wahrscheinlich berühmtester Mülltaucher. Mittlerweile bekommt er von vielen Bio-Supermärkten schon seine eigene Kiste gerichtet. Oft kommt so viel mehr zusammen als er und seine Familie essen können. Dann teilt Raphael die übrigen Lebensmittel auf der Plattform Foodsharing. Raphael lebt mit seiner Frau Nieves und seiner einjährigen Tochter Alma Lucia vollständig von der Überflussgesellschaft – und das sogar vegan mit Essen in Bioqualität (Greenpeace Magazin 2.13, S. 70).

Das nehmen, was andere wegwerfen. Kann das Diebstahl sein?

Erlaubt ist Containern in Deutschland eigentlich nicht. Denn bis die Müllabfuhr den Abfall mitnimmt, bleibt er im Besitz desjenigen, der ihn weggeworfen hat. Zur Strafanzeige kommt es aber in der Regel trotzdem nicht, weil dem Bestohlenen durch den Diebstahl kein Schaden zugefügt wird. Wenn die Abfallcontainer allerdings auf einem Privatgrundstück stehen, können sich Mülltaucher durch dessen Betreten des Hausfriedensbruchs schuldig machen.

Es werden immer wieder Stimmen laut, Containern zu legalisieren. Die Linkspartei fordert sogar, den Handel dazu zu verpflichten „einen ungehinderten Zugang zu nicht mehr verkaufsfähigen aber noch genießbaren Lebensmitteln sicherzustellen” (Pressemitteilung vom 27.3.12).

Eine Art „organisiertes” Containern betreiben die Tafeln in Deutschland und das ganz legal. Die Organisation sammelt Lebensmitteln von Supermärkten ein, die diese sonst wegwerfen würden. Allerdings geben nicht alle Supermärkte ihre Reste den Tafeln, oft ist ihnen der Aufwand zu groß.

Andere Länder, andere Sitten

In Österreich ist Containern im Prinzip legal, weil Abfall als „herrenlose“ Sache gilt. Hier hat sich sogar eine Kochshow zu dem Thema entwickelt. Wastecooking heißt das Kunstprojekt und arbeitet nur mit Lebensmitteln, die vorher in Abfallcontainern „gerettet“ wurden.

Eine Episode von Wastecooking könnt ihr euch hier ansehen:

Von krummen Salatgurken im Supermarkt fehlt weiter jede Spur

Schon 2009 hat die ehemalige EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel durchgesetzt, dass EU-Handelsnormen für 26 Erzeugnisse (Aprikosen, Artischocken, Auberginen, Avocados, Bleichsellerie, Blumenkohl, Bohnen, Chicorée, Erbsen, Gurken und Haselnüsse in der Schale, Kirschen, Knoblauch, Kopfkohl, Kulturchampignons, Lauch, Melonen, Möhren, Pflaumen, Rosenkohl, Spargel, Spinat und Walnüsse in der Schale, Wassermelonen, Zucchini und Zwiebeln) abgeschafft wurden.  Davor durfte zum Beispiel eine Salatgurke pro 10 cm Länge nur 10 mm Krümmung aufweisen. Seit der Abschaffung dieser EU-Handelsnormen sind die viel diskutierten krummen Salatgurken eigentlich im Supermarkt erlaubt. Man findet sie aber trotzdem kaum.

Auch im Bio-Supermarkt von krummen Gurken keine Spur

Auch im Bio-Supermarkt von krummen Gurken keine Spur

Laut einem Spiegel-Artikel (50/2012) ermittelte eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Untersuchung, dass die Abschaffung der EU Normen „gering bis kaum wahrnehmbar sei“. Denn obwohl die rechtlichen Normen aufgehoben wurden, hat sie der Handel einfach durch eigens gesetzte Normen ausgetauscht. Für die Bauern ist ihre Arbeit dadurch noch komplizierter geworden. Denn statt einer übergreifenden EU-Norm haben jetzt einzelne Händler viele verschiedene Normen, die der Bauer im Blick haben muss.

EU_Handelsnormen im Überblick

Es gibt nur noch zehn EU-Handelsnormen, allerdings betreffen sie 75% des gehandelten Obstes und Gemüses

Zudem sind zehn EU-Handelsnormen übrig geblieben. Das klingt zwar nicht viel, aber diese zehn Normen beziehen sich auf 75 % der gehandelten Lebensmittel. Der Deutsche Bauernverband scheint mit den Normen kein Problem zu haben: „Die Vermarktungsnormen setzen objektive Maßstäbe hinsichtlich der Beschaffenheit der Erzeugnisse, dass diese ganz, unbeschädigt und genießbar dem Verbraucher angeboten werden und in unterschiedlichen Kategorien von Klasse Extra bis Klasse II dem Verbraucher ein abgestuftes Angebot ermöglicht wird.“

Soweit sinnvoll! Natürlich möchte der Verbraucher unbeschädigte und genießbare Ware kaufen. In Wirklichkeit geht es aber noch um viel mehr: Unser Obst und Gemüse muss makellos sein und den von der EU vorgegebenen Schönheitsnormen entsprechen.

Eine EU-Handelsnorm gibt es beispielsweise noch für Äpfel. In einem Dokument des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BELV) steht, wie die Mindestanforderungen in der Vermarktungsnorm der Äpfel im Detail aussehen:

  • ganz,
  • gesund; ausgeschlossen sind Erzeugnisse mit Fäulnisbefall oder anderen Mängeln, die sie zum Verzehr ungeeignet machen,
  • sauber, praktisch frei von sichtbaren Fremdstoffen,
  • praktisch frei von Schädlingen,
  • frei von Schäden durch Schädlinge, die das Fleisch beeinträchtigen,
  • frei von starker Glasigkeit, ausgenommen die Sorte Fuji und ihre Mutanten,
  • frei von anomaler äußerer Feuchtigkeit,
  • frei von fremdem Geruch und/oder Geschmack.

Entwicklung und Zustand der Äpfel müssen so sein, dass sie

  • Transport und Hantierung aushalten und
  • in zufriedenstellendem Zustand am Bestimmungsort ankommen.

Doch das Dokument des BELV geht natürlich weit über diese Mindestanforderungen hinaus. Apfelsorten sind jeweils einer bestimmten Färbungsgruppe zugeteilt. Diese Färbungsgruppe (A, B oder C) entscheidet, wie rot die Früchte der Sorte nach Ernte sein müssen. Äpfel der Handelsklasse 1, Färbungsgruppe A müssen zur Hälfte rot sein. Zudem dürfen nach Durchmesser sortierte Äpfel nur einen Größenunterschied von 5 mm aufweisen. Alle anderen Früchte werden aussortiert, direkt beim Erzeuger und im weiteren Verarbeitungsprozess. So erreichen laut einem Spiegel-Artikel knapp 40 % des angebauten Obstes und Gemüses gar nicht erst den Verbraucher.

Im April 2012 führte  der Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine öffentliche Anhörung zum Thema Lebensmittelverschwendung durch. Stefan Kreutzberger, Politikwissenschaftler, Journalist und Autor, äußerte sich zu der Frage Lebensmittelnormen wie folgt:

„Fakt ist, dass bereits auf dem Feld vor der Ernte massenhaft gute Lebensmittel aufgrund nicht lukrativer Vermarktungsmöglichkeiten untergepflügt werden. Dieses Gemüse, Kartoffeln, Getreide und Obst gehen erst gar nicht in die Lebensmitteldefinition ein, da nicht geerntet. Nach der Ernte wird krummes und nicht einheitlich gewachsenes oder ‚falschfarbiges‘ Gemüse und Obst weiter fleißig ausgesondert. Vom Handel selbst gesetzte und erzwungene Normen sind zum großen Teil dafür verantwortlich. Seit der Streichung von (vom Handel und der Industrie einst geforderten) Normen für 26 landwirtschaftliche Erzeugnisse in der EU Mitte 2009 hat sich an dieser Praxis auch nicht viel geändert. Wenn jetzt für weitere 10 Erzeugnisse (die allerdings 75 Prozent des Handelswertes ausmachen) die Normen gestrichen werden sollten, ist das kein Garant dafür, dass sich grundsätzlich etwas ändert. Der Handel wird weiter machen wie gewohnt – es sei denn der Verbraucher verlangt explizit danach. Eine Einteilung in Güteklassen halte ich für sinnvoll, wenn allerdings die Kriterien geändert werden: Rein optische Gesichtspunkte sagen nichts über die wirkliche Güte eines Apfels oder einer Tomate aus. Hier sollten Kriterien wie Nährwerte, Inhaltsstoffe und Anbaukriterien (regional, biologisch etc.) Berücksichtigung finden. Als gut und gesund empfundene Nahrungsmittel werden auch weniger weggeworfen.“

„Die Natur ist auch nicht genormt“, sagte Aigner im ARD-„Morgenmagazin“ und will auch die letzten zehn EU-Handelsnormen abschaffen. Dass das am Ende aber auch etwas bewirkt, hat der Verbraucher in der Hand. Denn der Handel richtet sich nach den Bedürfnissen seiner Kunden. Wenn diese auch gerne Äpfel kaufen, die unterschiedliche groß sind, nur zu einem Drittel rot oder eine Druckstelle haben, werden solche auch im Supermarkt zu finden sein.

Dass das im Kleinen funktionieren kann, zeigen Lea Brumsack und Tanja Krakowski. Sie haben mit Hilfe von Crowdfunding 15.000 Euro gesammelt. Damit wollen sie einen eigenen Laden in Berlin gründen, in dem sie sogenannte CulinARy MiSfiTS verkaufen. Diese kulinarischen Sonderlinge entsprechen ganz und gar nicht der Norm. Es sind Möhren mit zwei oder drei Beinen oder Herzkartoffeln. Nach dem Motto „Esst die ganze Ernte“ wollen die ursprünglichen Designerinnen Krakowski und Brumsack ihre Möhrchen mit Vielfalt an Kunden vermitteln. Gerade sind sie auf der Suche nach einem passenden Gebäude für ihren Laden. Das Video, dass CulinARy MiSfiTS zu ihren Spenden verhalf, könnt ihr euch hier anschauen.